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ESG

Hunderttausende Seeleute sitzen wegen der Corona-Pandemie auf Handelsschiffen fest. Fidelity International hat schnell reagiert und schlägt Alarm, denn neben einer weltweiten humanitären Krise könnte sich auch ein massives Versorgungsproblem anbahnen.

Als sich im Frühjahr die Corona-Krise zuspitzte, hörte Terence Tsai, für die Schifffahrt zuständiger Analyst bei Fidelity International in Hongkong, erstmals von gravierenden Störungen in der globalen Schifffahrt.

Wegen Reise- und Handelsbeschränkungen wurden Häfen geschlossen und Flüge abgesagt. Erhebliche Verzögerungen beim Crew-Wechsel und deren Rückkehr in ihre Heimathäfen waren die Folge. Terence Tsai erkannte schnell, dass dies nicht nur ein Problem für die kommerzielle Schifffahrt ist. Vielmehr nahm damit auch eine humanitäre Krise ihren Lauf, von der Hunderttausende Seefahrer, die den Welthandel am Laufen halten, betroffen sind.

Aus einzelnen Meldungen wurde eine Nachrichtenflut. Monatelang saß ein Kapitän aus Europa auf einem asiatischen Schüttgutfrachter fest und konnte deshalb nicht zur Beerdigung seines Sohnes. Ein anderer Kapitän wich von seinem vorgeschriebenen Kurs ab, um damit gegen fehlende Vorkehrungen zum Ausschiffen seiner Crew zu protestieren. Obwohl ihre Verträge ausgelaufen waren, musste die Besatzung an Bord bleiben. Gegenwärtig sind Schätzungen zufolge rund um den Globus 300.000 Seeleute auf Handelsschiffen gestrandet. Sie dürfen nicht an Land oder bekommen keine Flüge nach Hause. Weitere 300.000 stehen vor dem finanziellen Ruin, denn schon seit Monaten wird ihnen die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz verwehrt.


Aktives Engagement in der Praxis

Aufgerüttelt von Terence Tsai startete das für Nachhaltigkeit zuständige globale Team von Fidelity eine Kampagne, um auf die prekäre Lage der Seemänner und -frauen aufmerksam zu machen. Als Teil eines weltweiten aktiven Dialogs mit Branchenvertretern und anderen Beteiligten haben wir uns zunächst an eine Gruppe von rund 30 Firmen aus der Schifffahrts-, Fracht-, Luftfahrt- und Einzelhandelsindustrie und an Regierungen gewandt, damit sie dieses Problem ganz oben auf die Tagesordnung setzen.

„Wenn niemand etwas unternimmt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Katastrophe kommt“, ist Flora Wang, zuständig für nachhaltiges Investieren bei Fidelity International, überzeugt.

Seefahrer sind ein unverzichtbares Glied der weltumspannenden Lieferkette. Insbesondere während der Corona-Pandemie gewährleisten sie weltweit die Versorgung mit einer Vielzahl von Gütern, angefangen von Massengütern wie Getreide und Eisenerz über Energieträger wie Öl und Gas bis hin zu einer breiten Palette von Konsumgütern. Wegen COVID-19 wurde ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt bzw. das Ausschiffen untersagt, während zugleich die Zahl der Flüge drastisch gesunken ist. Daher dauert der Arbeitseinsatz vieler Seeleute inzwischen schon mehr als 15 Monate, in denen sie von ihren Familien getrennt sind. Das übersteigt die in der Branche üblichen neun Monate und die gesetzliche Höchstdauer von elf Monaten für Einsätze auf See bei Weitem. Mit derart langen Phasen der Isolation steigt auch das Risiko psychischer und physischer Erkrankungen. Ob unter diesen Bedingungen ein sicherer Umgang mit der Ladung gewährleistet werden kann, ist fraglich.


Ein brisantes Thema in den Fokus rücken

Fidelity hat unterdessen den Dialog mit verschiedenen Beteiligten wie Reedereien, Fluggesellschaften sowie Öl- und Gasproduzenten aufgenommen. Viele von ihnen haben positiv reagiert und sind sich bewusst, dass den Seeleuten geholfen werden muss. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Schifffahrtsgesellschaft bedankte sich ausdrücklich für die von Fidelity angestoßene Kampagne und versprach, „alles zu tun, um das Problem des Crew-Wechsels zu lösen“.

Der Chef einer anderen großen Reederei, an der Fidelity eine wesentliche Beteiligung hält, antwortete: „Wir wissen es zu schätzen, dass Sie als großer und verantwortungsbewusster Investor sich um das Wohlergehen unserer Seeleute sorgen, die in dieser schwierigen Zeit weltweit die Versorgung mit Gütern und Waren sicherstellen. [...] Unsere Crews haben außerordentliche Loyalität und Geduld bewiesen. Sie werden sicher dankbar sein für einen Großaktionär, der sich nicht nur Sorgen macht, sondern auch mit an der Lösung des Problems arbeitet.“


Bürokratische Hürden überwinden

Eine Ursache der aktuellen Notlage auf See ist die Einstufung der Berufsseeleute während der Corona-Pandemie. Alle Länder sind in der Krise auf die Schifffahrt angewiesen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Dennoch werden Seefahrer von vielen Regierungen nicht als systemrelevant oder als Schlüsselkräfte anerkannt, denen man Ausnahmegenehmigungen zum Ausschiffen gewähren würde. Dies ist ein großes Problem, das es vielen Besatzungen unmöglich macht, nach Hause zurückzukehren. In einer Erklärung vom 11. September haben Organisationen der Vereinten Nationen, darunter die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, gemeinsam die Regierungen aufgefordert, Seeleute als systemrelevant einzustufen und diese humanitäre Krise zu beenden.

„Mit der Eingruppierung als systemrelevant wären Seeleute von Reisebeschränkungen befreit und könnten an unterschiedlichen Häfen an und von Bord gehen“, erläutert Terence Tsai. „Dies würde zahlreiche Hindernisse aus dem Weg räumen, darunter Visabeschränkungen und sich ständig ändernde lokale Zollvorschriften.“


Auf die humanitäre Krise aufmerksam machen

Erstaunlicherweise wurde über die Lage der Seeleute in der Anlegergemeinde bis vor Kurzem kaum diskutiert. Und das trotz der humanitären Misere und der allgemeinen Geschäftsrisiken, die damit für die Reedereien verbunden sind.

„Rund 90 Prozent des Welthandels erfolgen auf dem Seeweg. Die Seemänner und -frauen sind also der Motor, der unsere Weltwirtschaft am Laufen hält“, sagt Terence Tsai.

Für einen Vermögensverwalter wie Fidelity ist Lobbyarbeit mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen der Seeleute zu verbessern, auch aus Anlegersicht sinnvoll. Die Wertentwicklung einiger unserer Portfoliounternehmen hängt letztlich auch davon ab, ob ein sicherer Umgang mit der Schiffsfracht durch die Crews gewährleistet ist. Sicherzustellen, dass die Rechte und Interessen der Seeleute gewahrt werden, trägt ferner dazu bei, die Geschäftsrisiken für die involvierten Branchen zu verringern. Nur so ist ein nachhaltiger Welthandel auf Dauer möglich.

Mit seiner Sensibilisierungskampagne will Fidelity kein Patentrezept für dieses komplexe Problem liefern. Vielmehr möchten wir die an der Lieferkette Beteiligten unterstützen, damit sie gemeinsam die für alle beste Lösung finden. In der Corona-Krise ist ein aktiver Dialog mit den Unternehmen, in die wir investieren, aus unserer Sicht noch wichtiger geworden.

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