Zwar wird das Rennen um den Senat erst bei Stichwahlen im Januar entschieden, und der amtierende Präsident Donald Trump hat seine Niederlage noch nicht öffentlich akzeptiert. Doch die Märkte schauen längst nach vorne – auf vier ruhigere und besser berechenbare Jahre unter Joe Biden.

Die USA haben einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden hat das Rennen gemacht, wenn auch nicht mit dem Erdrutschsieg, den sich seine Partei erhofft hatte. Wieder einmal ist es den Meinungsforschern nicht gelungen, die wahre Dynamik der populistischen Politik zu erfassen. Die Mehrheitsverhältnisse im Senat werden sich wohl erst im Januar klären. Es ist jedoch gut möglich, dass der Kongress geteilt und der Handlungsspielraum des Präsidenten dadurch eingeschränkt bleibt. 

Die Märkte waren mit alledem offenbar zufrieden, die Aktienkurse in den USA sind seit der Wahlnacht gestiegen. Es kam zwar stellenweise zu Protesten und zu einigen Versuchen, das Wahlergebnis auf juristischem Wege infrage zu stellen. Und auch Tage nach der Verkündung von Bidens rechnerischem Sieg hat Donald Trump seine Niederlage noch nicht öffentlich eingestanden. Doch all das hatte keine so destabilisierende Wirkung, wie zuweilen befürchtet wurde. 

Was ein geteilter Kongress unter Biden für die Wirtschaft bedeuten würde

Bleibt der Kongress geteilt, also kontrollieren Demokraten das Repräsentantenhaus und Republikaner den Senat, können die Demokraten in den nächsten vier Jahren wohl nicht wie geplant staatliche Mehrausgaben von mehr als fünf Billionen Dollar durchsetzen. Ein Kompromiss zwischen den beiden Parteien lässt eher Ausgaben in Höhe von 1,5 bis 2,5 Billionen Dollar erwarten, wodurch die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft geringer ausfallen. 

Was die unmittelbaren Auswirkungen betrifft, so erwarte ich ein Covid-19-Hilfspaket von weniger als einer Billion US-Dollar irgendwann im ersten Halbjahr 2021. Vor dem Hintergrund einer zweiten Welle an Coronavirus-Infektionen dürfte dies kaum ausreichen, um bis ins Jahr 2021 eine starke Konjunkturdynamik aufrechtzuerhalten. Umso mehr Verantwortung lastet auf der US-Notenbank. 

Interessanterweise werden einige Aspekte, für die der gewählte Präsident keine Kongressmehrheit benötigt, aktuell weniger stark diskutiert. Für die Außen- und Sicherheitspolitik, für bestimmte Regulierungsfragen (z.B. auch den Klimaschutz betreffend) oder auch für die Mitgliedschaft in WHO und Pariser Klimaabkommen reichen die präsidialen Entscheidungsbefugnisse aus. Diese Aspekte spielen für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine nicht zu vernachlässigende Rolle.

Die Auswirkungen der Steuerpolitik auf die Märkte 

Dies würde bedeuten, dass sich bei einem geteilten Kongress die aus der Coronavirus-Krise resultierende Produktionslücke vor 2023 wahrscheinlich nicht schließen wird. Auf der anderen Seite wären unter einer republikanischen Senatsmehrheit keine größeren Steueranhebungen wahrscheinlich, was das Wachstum mittelfristig fördern, aber auch die Staatsschulden längerfristig deutlich erhöhen würde.

Vor der Verabschiedung des Konjunkturpakets halte ich größere Überbrückungsmaßnahmen zur Stützung der Einkommen für wenig wahrscheinlich. Das könnte Konsum und Wachstum jedoch stark beeinträchtigen. Das Wachstum wird bislang auf +4 Prozent im vierten Quartal 2020 und +3,7 Prozent im ersten Quartal 2021 (auf ein Jahr hochgerechnet) geschätzt.

Gleichzeitig bleiben die Entwicklung des Coronavirus, die damit verbundenen Mobilitätseinschränkungen, die Perspektiven für ambulante Behandlungen und Impfstoffe entscheidend für die Aussichten von Wirtschaft und Finanzmärkten. Strengere Restriktionen - die unter Biden wahrscheinlicher sind - würden der Konjunktur einen größeren Schlag versetzen, wenn man davon ausgeht, dass dies nur begrenzt durch fiskalpolitische Hilfen ausgeglichen werden kann.

Ich bin nach wie vor skeptisch, was die Möglichkeit einer raschen und breiten Einführung eines Impfstoffs bereits im ersten Quartal 2021 betrifft, die eine deutliche Lockerung oder sogar vollständige Aufhebung der Beschränkungen ermöglichen würde. Die Möglichkeit einer positiven Überraschung in dieser Hinsicht muss man aber genau im Blick behalten.

Begrenzte Handlungsmöglichkeiten der US-Notenbank

Die weiteren geldpolitischen Entscheidungen der US-Notenbank Fed hängen vom finanziellen Umfeld und den Wirtschaftsdaten der nächsten Wochen ab. Kurzfristige Priorität dürfte die Gewährleistung eines reibungslosen Funktionierens der Märkte mit Hilfe der vorhandenen Instrumente genießen. Bleiben große fiskalpolitische Impulse aus, wird es für die Fed noch schwieriger sein, einen nachhaltigen Inflationsanstieg zu erzeugen, was eine weitere Lockerung ihrer Politik erfordern würde.

Neben dem Übergang zum Ankauf von Anleihen mit längerer Laufzeit könnte die Fed ihr Tempo beim Kauf von Vermögenswerten erhöhen und weitere Schritte in Aussicht stellen, um die Auswirkungen der drohenden Verringerung der Staatsausgaben abzumildern. Die im Augenblick sehr positive Marktstimmung preist allerdings schon eine deutliche Erwartungshaltung an die FED mit ein. 

Kein Richtungswechsel bei Beziehungen zu China zu erwarten

Für die Dauer der Pandemie wird der Fokus der Politik klar im Inland liegen. Doch auch darüber hinaus ist es unwahrscheinlich, dass ein Präsident Biden einen völlig neuen Ton gegenüber China anschlagen wird. Auch eine demokratische Regierung dürfte vor allem den wirtschaftlichen Wettbewerb und Fragen der nationalen Sicherheit ganz oben auf die Agenda setzen. Die logische Folge wären verstärkte Investitionen im Inland. Zwar bahnten sich Handelsflüsse in den vergangenen Monaten trotz Barrieren und Zöllen weiter ihren Weg. Die Lieferketten dürften künftig jedoch regionaler und nach der Pandemie auch kürzer werden.

Direkt nach der Wahl schwankte der Dollar-Kurs stark, worin sich die verbleibende Unsicherheit widerspiegelte. Längerfristig dürfte die hier dargelegte US-Wirtschaftspolitik auf der Landeswährung lasten. Die amerikanischen Konjunkturpakete und ihre Auswirkungen auf die Devisenmärkte dürften indes die Bedingungen für Asien und andere Schwellenmärkte verbessern. So könnten sich Asien und Amerika in den kommenden Monaten wirtschaftlich zunehmend auseinanderentwickeln. 

Strategien für die kommenden Monate

Im aktuellen Umfeld sprechen viele Argumente für Wertpapiere, die nicht in US-Dollar denominiert sind. In Erwartung erhöhter Volatilität ergeben sich am asiatischen Anleihenmarkt gute Risiko-Rendite-Verhältnisse, allem voran bei chinesischen Staatsanleihen und in asiatischen High-Yield-Bonds. Auf der Aktienseite sehe ich Chancen in Märkten wie Indien und Südostasien, die 2020 anderen asiatischen Märkten eher hinterherhinkten. Für japanische Papiere sprechen der Fokus auf Reformen und attraktive Bewertungen. 

In den USA sind mit dem Regierungswechsel auch einige wirtschaftliche Richtungswechsel zu erwarten, etwa in der Klimapolitik und damit verbundenen Regularien. Gewinner sind hier womöglich solche Unternehmen, die zukunftsweisende und effiziente Technologien nie aus dem Auge verloren haben. 

Doch selbst wenn es zwischen Politik und Unternehmenslenkern in den kommenden vier Jahren Meinungsverschiedenheiten geben sollte – viele zählen auf eine traditionellere, besser vorhersehbare Beziehung zum Weißen Haus.

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