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Türkei überschreitet Rubikon

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Paul Greer - Assistant Portfoliomanager

10 August 2018

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Der Kursverfall der türkischen Lira hat sich zu einer massiven Krise ausgeweitet. Die jüngsten Kursbewegungen sind vergleichbar mit den Ereignissen in Argentinien im zweiten Quartal dieses Jahres. Diese hatten zu einem riesigen Rettungspaket in Höhe von $ 50 Milliarden durch den Internationalen Währungsfonds und einer massiven Zinserhöhung geführt. Lösungen für die Schieflage der Türkei gibt es: fiskal- und geldpolitische Interventionen sowie Wirtschaftsreformen. Die Frage ist jedoch, ob der politische Wille dazu überhaupt vorhanden ist.

 

Die türkische Lira ist gegenüber dem US-Dollar eingebrochen
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Quelle: Datastream, August 2018

Gegenwind für die Wirtschaft

Die Türkei steht vor vielen wirtschaftlichen Herausforderungen, und alle sind wohlbekannt: eine überhitzte Wirtschaft, ein beträchtlicher externer Finanzierungsbedarf, ein übergroßes strukturelles Leistungsbilanzdefizit, eine anhaltend hohe Inflation im zweistelligen Bereich, niedrige Währungsreserven und eine Privatwirtschaft, die unter einer hohen Schuldenlast leidet. Als Folge davon hat sich die Anlegerstimmung eigentlich das ganze letzte Jahr über schon verschlechtert. Einen weiteren deutlichen Dämpfer erhielt die Stimmung nach den Wahlen vom 24. Juni, als das Kabinett deutlich verändert wurde.

Die Behörden, die für die Wirtschaft und die Finanzen des Landes verantwortlich sind, scheinen die Kontrolle über ihre Währung verloren zu haben. Die Rhetorik der vergangenen Tage hat einen Mangel an Verantwortung erkennen lassen, die Krise zu lösen. Kurzfristig wird erwartet, dass sich die Inflation in Richtung von 20 Prozent bewegt. Das zeigt, wie unangemessen der Zinssatz der Zentralbank von 17,75 Prozent wirklich ist. Die Märkte haben mit ihren Füßen abgestimmt und die ausländischen Geldgeber ziehen nun ihr Geld aus dem Land ab - genau das Gegenteil von dem, was die Türkei jetzt braucht, wenn man an ihre instabile Zahlungsbilanz denkt.

 

Lösungen liegen auf der Hand

Auch wenn die Türkei mit einer Vielzahl von fundamentalen Herausforderungen zu kämpfen hat, gibt es viele einfache Lösungen wie aus dem Lehrbuch. Diese Maßnahmen sind durchaus in der Lage, die Abwärtsspirale der Anlegerstimmung und den Kursverfall zu bremsen. Ein erster wichtiger Schritt wäre eine aggressive Zinserhöhung der Zentralbank. Der Situation angemessen wäre eine Größenordnung von 1.000 Basispunkten, wie im Mai in Argentinien. Dies würde die Konjunktur verlangsamen, wahrscheinlich sogar zu einer Rezession führen. Doch das könnte die unaufhörliche Nachfrage nach Importen eindämmen und das Problem des Leistungsbilanzdefizits abmildern.

Ein weiterer entscheidender Schritt wäre es, Schlüsselpositionen der Regierung mit pragmatischen Technokraten zu besetzen. Das dürfte wahrscheinlich sofort zu niedrigeren langfristigen Finanzierungskosten des Landes führen. Nützlich wären auch strukturelle Reformen, die zu einer Ausweitung der verarbeitenden Industrie und des Exportsektors führen. So würde die türkische Wirtschaft besser diversifiziert, weg von Konsum und Bautätigkeit.

Die heiklen diplomatischen Beziehungen der Türkei zum Westen, insbesondere zu den USA, bereiten ausländischen Investoren jedoch weiter Sorgen. Eine Lösung muss angegangen werden. Finanzpolitische Sparmaßnahmen wären auch willkommen, besonders wenn man an die hohe Schuldenlast des Privatsektors denkt. Weitere nützliche Maßnahmen sind Steuerreformen, um mehr Steuern einzunehmen, die Sparquote des Landes zu erhöhen, sich klar zur Unabhängigkeit der Zentralbank zu bekennen und den Arbeitsmarkt zunehmend zu flexibilisieren.

In den letzten Jahren haben sich die Investoren auch Sorgen gemacht über die Abwanderung von Fachkräften, nachdem die Regierung Druck auf das Bildungssystem, die Justiz und die Medien ausübte. Das hat die langfristige Wachstumsrate der Türkei geschädigt. Eine Umkehr dieser Kontrolle dürfte die ausländischen Investoren freuen.

 

Kapitalkontrollen

In den letzten Tagen wurde davon geredet, Kapitalkontrollen einzuführen, um die massive Abwertung der Lira einzudämmen. Jedoch sind Kapitalkontrollen allein keine angemessene Lösung, wenn man an die offene Wirtschaft der Türkei denkt und die hohen externen Finanzierungsanforderungen. Um ihre Wirkung zu entfalten, müssten Kapitalkontrollen in der Türkei mit anderen Maßnahmen kombiniert werden.

Es gab auch Diskussionen, dass die Türkei möglicherweise vom Internationalen Währungsfonds oder mächtigen bilateralen Partnern unterstützt wird. Das wäre hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig, wenn die Türkei angemessen auf die Realität der Märkte reagieren würde.

Die Wirtschaft der Türkei hat viele ausgleichende Faktoren. Dazu gehören ein starker Fokus auf die Wirtschaft, eine günstige Demographie, eine gebildete Bevölkerung und ein gut kapitalisiertes Bankensystem. Die Lösungen zur jüngsten Krise sind eigentlich offensichtlich, aber die Frage ist, ob die Regierung gewillt ist, die Maßnahmen anzugehen.

 

Sorgen bereiten die Schwellenländer

Während die Türkei mit ihren eigenen Herausforderungen kämpft, bleibt die Lage für die Schwellenländer insgesamt weiter schwierig. Das Thema des Entzugs von Liquidität der G3 Zentralbanken bleibt das relevanteste Problem aller Anleihenmärkte. Dieser Gegenwind dürfte in nächster Zeit kaum nachlassen.

Die anhaltenden handelspolitischen Spannungen zwischen den USA und China sind eine weitere Hürde für die Schwellenländer, insbesondere wenn man die Sensibilität der Anlageklasse in Bezug auf den Welthandel bedenkt. Schließlich bleibt der US-Dollar unterbewertet auf Basis von Wachstum und Zinsgefälle zwischen den USA und dem Rest der Welt. Die Schwellenländer erleben zudem gerade eine Abkühlung der Wachstumsdynamik und einen stärkeren Inflationsdruck zum Nachteil der Anleger. Weitere Themen wie die Wahlen in Brasilien, weitere potenzielle Sanktionen für Russland oder Chinas anhaltender Schuldenabbau machen das Bild der Schwellenländer noch komplexer.