Technologiekonzerne konnten über Jahre hinweg weitgehend ungehindert wachsen. Ihre inzwischen immense Marktmacht bewegt die Politik jetzt dazu, Fragen zu Wettbewerbsrecht, Datenschutz und Desinformation anzugehen. Entgegen der allgemeinen Erwartung könnte das für Anleger ein Glücksfall sein.

Zwei Tage im Juli brachten die Situation der amerikanischen Technologieriesen Facebook, Apple, Amazon und Google präzise auf den Punkt. Vor Vertretern des amerikanischen Kongresses mussten die Chefs der Konzerne zu Themen wie Desinformation, Datenschutz, umstrittenen Zukäufen und ihrer immensen Marktmacht Rede und Antwort stehen. Das Urteil der Politiker nach der Anhörung war eindeutig: „So wie sie heute existieren haben diese Unternehmen Monopolmacht“, sagte der Demokrat David Cicilline. „Einige müssen zerschlagen und alle richtig reguliert und zur Rechenschaft gezogen werden.“¹

Am Tag darauf dann der Stimmungsschwenk: Ebendiese Unternehmen legten ihre Zahlen für das zweite Quartal vor. Inmitten einer beispiellosen Wirtschaftskrise erzielte Amazon den höchsten Gewinn in seiner Firmengeschichte. Facebook, Apple und die Google-Mutter Alphabet übertrafen die Erwartungen. Der Marktwert der vier Unternehmen stieg um 250 Milliarden Dollar.²

Die beiden Tage sind beispielhaft für die Situation der Technologieriesen: Die Geschäftsaussichten sind blendend, die Geschäftsmodelle allem Anschein nach krisensicher. Doch es kündigen sich einschneidende Veränderungen an. Die lang diskutierte Regulierung der Technologiebranche wird mit großer Wahrscheinlichkeit jetzt in die Tat umgesetzt. 

Neue Regeln erscheinen Unternehmen oft als Hürden, die das Wachstum vorerst bremsen. Doch die ungeklärten Fragen und fehlenden Regularien für eine Branche, die es so vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht gab, belasten das Geschäft auf ihre eigene Weise. Ich glaube, dass neue Regeln für die Technologiebranche – sofern sie richtig ausgestaltet werden – sogar ein Glücksfall für diese Unternehmen und für Anleger darstellen können.

Der Wettbewerb

Als Indien ein Verbot der Social-Media-Plattform TikTok verhängte, schossen die Nutzerzahlen kleinerer indischer Wettbewerber innerhalb von 48 Stunden von wenigen Hunderttausend in den zweistelligen Millionenbereich. Eine Vielzahl an Firmen profitierte davon, dass der dominante Akteur am Markt plötzlich verschwunden war. 

Selbst wenn es große Technologiekonzerne nicht explizit darauf abgesehen haben, Wettbewerber zu verdrängen, ist das dennoch eine Folge des Netzwerkeffekts: Je mehr Nutzer eine Plattform hat, desto attraktiver wird sie. Umso größer werden die Einstiegshürden für neue Marktteilnehmer. 

Außerdem häuften sich zuletzt Zustände, die (je nach regulatorischem Umfeld) als wettbewerbsfeindlich gelten können: Apple sieht sich als Anbieter von Streaming-Inhalten im Interessenkonflikt mit Wettbewerbern, die ihr Angebot im App-Store von Apple vertreiben, dort jedoch eine zusätzliche Gebühr an Apple zahlen müssen. Alphabet wächst indes im Reisesegment, verdrängt dadurch Wettbewerber wie TripAdvisor und treibt die Kosten für Reisebuchungsportale in die Höhe. 

US-Politiker nehmen ihre Wettbewerbsgesetze nun genau unter die Lupe. Gesetze, die Verbraucher, aber nicht die Wettbewerbslandschaft schützen, sind ein wichtiger Grund, warum die Politik es bisher nicht geschafft hat, die Technologiebranche effektiv zu regulieren. Das rechtliche Umfeld in der EU bietet da eine bessere Grundlage, weshalb diese bei der Regulierung der Branche auch in der Vorreiterrolle ist. 

Ich glaube, dass die Technologiebranche von einem gesünderen Wettbewerb profitieren würde. Anlegern stünde eine breitere Palette an vielversprechenden Unternehmen zur Verfügung. Selbst die Zerschlagung großer Technologiekonzerne muss nicht per se schlecht für den Investor sein, da die Summe der Einzelteile oft wertvoller ist, als die Bewertung am Markt derzeit vermuten lässt.

Datenschutz

Als Facebook Drittfirmen vor acht Jahren erstmals Zugang zu seinen Nutzerdaten gewährte, sollten ihre Einstiegsbarrieren dadurch sinken. Andere Marktteilnehmer konnten gewissermaßen auf dem Trittbrett des mächtigen Netzwerks mitfahren. Unternehmen wie Spotify und Tinder haben ihr exponentielles Wachstum nicht zuletzt dieser Entscheidung zu verdanken. 

Mit den Enthüllungen um Cambridge Analytica und weiteren Untersuchungen wurde jedoch klar, dass Social-Media-Plattformen sich die gesetzeswidrige Nutzung persönlicher Daten in Form von Werbegebühren fürstlich bezahlen ließen und sich dadurch mitschuldig gemacht hatten. Die gesellschaftliche Perspektive verlagerte sich. Das sonst so innovative Unternehmen Facebook schien plötzlich die Bedürfnisse seiner Nutzer nicht mehr zu verstehen. Heute sind es Apps wie Snapchat und TikTok, die Trends setzen. 

Eine strengere Regulierung des Datenschutzes hat jedoch auch Nachteile. Ein Vertreter einer regionalen Aufsichtsbehörde sagte uns: „Ein Erfolg im Datenschutzbereich könnte gleichzeitig ein Rückschlag bei der Wettbewerbsfähigkeit im Internetsegment sein.“ Die Art, wie Uber Standortdaten seiner Kunden nutzt, stellt das Dilemma gut dar. Einige Smartphones fragen Nutzer gelegentlich, ob Uber ihren Standort jederzeit nachverfolgen darf oder nur, wenn sie die App nutzen. Viele dürften sich für Letzteres entscheiden. Uber kann jedoch mithilfe des umfassenderen Datensatzes dafür sorgen, dass sich mehr Fahrer in Gebieten aufhalten, wo gerade auch viele Uber-Nutzer sind. Ohne diese Informationen entgehen Uber Umsätze, und die Kunden warten länger auf ihren Fahrer.

Trotz existierender Datenschutzregeln vor allem in der EU haben die Technologiekonzerne riesige Datenschätze und weitreichende Handhabe darüber. Das war auch der Grund, warum EU-Aufseher die Übernahme von Fitbit durch Alphabet verzögerten. Die Google-Mutter hätte damit Zugang zu den Gesundheitsdaten ihrer Nutzer in Echtzeit. Man stelle sich vor, Alphabet könnte den Puls eines Nutzers messen, wenn er eine bestimmte Werbeanzeige sieht. Alphabet hat nun versprochen, keine persönlichen Daten beim Verkauf von Anzeigen einzusetzen. 

Schon heute müssen westliche Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte mit weit weniger Nutzerdaten auskommen als ihre chinesischen Wettbewerber. Dadurch sind sie jedoch gezwungen, besonders innovativ zu werden – die Not ist oft die Mutter der Erfindung.

Ein Medium für Desinformation

Paragraf 230 des amerikanischen „Communications Decency Act“ von 1996 schützt Anbieter von „interaktiven Computerdienstleistungen“ vor Konsequenzen, die ihnen durch Inhalte von Dritten entstehen könnten. Das Gesetz entstand lange vor den modernen sozialen Medien, ist für diese Plattformen voller nutzergenerierter Inhalte aber hochrelevant. Soziale Medien werden routinemäßig zur Verbreitung von Falschinformationen genutzt, was immer wieder Konsequenzen wie Kursausschläge am Kapitalmarkt und sogar Gewalttaten zur Folge hat. 

Die sozialen Medien stehen jetzt am Scheideweg: Verfechter der Rede- und Meinungsfreiheit befürchten, dass eine Kontrolle der Inhalte wahrscheinlich unausgewogen wäre und diesen Plattformen noch mehr Macht gäbe. Doch Werbekunden wollen ihre Marke nicht neben rassistischen oder geschmacklosen Inhalten, Hassrede und Falschinformationen sehen. Twitter hat diesen Spagat bisher am erfolgreichsten gemeistert, Facebook hingegen ist eher in Verruf geraten. Über 1000 Marken, darunter Unilever und Coca-Cola, boykottieren die Plattform bereits. Der Verlust ihrer Werbeausgaben würde die Umsätze von Facebook jedoch um maximal fünf Prozent belasten.

Das Potenzial für Anleger

Die Perspektiven für Technologie- und Internetkonzerne sind nicht nur für thematische Anleger relevant. Durch ihre Größe haben sie ein überproportionales Gewicht am Markt und in den relevanten Indizes. Microsoft und Apple etwa sind zusammen wertvoller als alle 30 Unternehmen im deutschen Leitindex Dax. 

Das Potenzial ist weiterhin groß. Alle anderen Branchen entwickeln auf Basis digitaler Lösungen ihre Geschäftsmodelle weiter. Viele Geschäftsfelder der Technologieriesen – etwa der Onlinehandel, digitale Unterhaltungsangebote und Cloud-Dienste – stehen noch relativ weit am Anfang ihres strukturellen Wachstums. Und die Branche entwickelt immer neue Produkte in angrenzenden Märkten, die ebenfalls für anhaltendes Wachstum sorgen dürften, von virtueller Realität über Zahlungsdienstleistungen bis hin zum autonomen Fahren.

In den kommenden Monaten und Jahren wird sich der Markt, der lange von breiter Zukunftseuphorie getragen war, stärker differenzieren. Investitionen in die großen Technologiewerte werden damit komplexer, denn die regulatorischen Risiken sind derzeit größer als die fundamentalen, und einzelne Unternehmen sind diesen Risiken zu einem unterschiedlichen Grad ausgesetzt. 

Eine gut durchdachte Regulierung kann sich positiv auf die Kurse auswirken, denn sie sorgt für ein verlässliches Geschäftsumfeld. Sie kann auch die Gefahr von eskalierenden Vorfällen reduzieren, die den Ruf eines Unternehmens schädigen oder zum finanziellen Risiko werden können. 

Aktive Anleger sind in dieser Situation im Vorteil. Während Anleger in passiven Produkten vor allem in Werten investiert sind, die aktuell ein großes Gewicht am Markt darstellen, können aktive Anleger früher solche Unternehmen identifizieren, die schnell und ideenreich auf den Umbruch in der Branche reagieren – zum einen Start-ups, zum anderen die sehr anpassungsfähigen unter den etablierten Unternehmen, oder Firmen, die bei möglichen Zerschlagungen bislang versteckte Werte heben können.

¹ https://www.theguardian.com/technology/2020/jul/29/congress-tech-hearing-mark-zuckerberg-jeff-bezos
² https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/quartalszahlen-alphabet-facebook-apple-amazon-1.4984885 

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