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Handelskonflikt spaltet weltweite Technologiebranche

Sumant Wahi

Sumant Wahi - Analyst and Portfolio Manager

Der chinesische Technologieriese Huawei ist ins Zentrum des Handelskonflikts zwischen den USA und China gerückt. Die amerikanischen Sanktionen belasten dabei nicht nur Huawei* selbst. Ganze Lieferketten für Halbleiter und Smartphones sowie der Ausbau der 5G-Netze werden von dem Streit beeinflusst. Am Ende dieser Entwicklung könnten zwei grundverschiedene technologische Ökosysteme stehen.

Am 15. Mai entschied das amerikanische Handelsministerium, dass Huawei kein geistiges Eigentum der USA (also Software oder Maschinen) mehr nutzen dürfe, um Halbleiter zu produzieren. Huawei ist damit praktisch von asiatischen Halbleiterfabriken abgeschnitten. Andere Unternehmen dürfen jedoch weiterhin selbst entwickelte Halbleiter, die sie mit US-Technologie herstellen, an Huawei verkaufen. Das neue US-Gesetz ist also relativ eng gefasst und soll Huawei vor allem daran hindern, im 5G-Bereich Fortschritte zu machen.

Die US-Regierung unter Donald Trump ist sich bewusst, dass es sich auszahlen kann, beim nächsten Mobilfunkstandard den Pioniervorteil zu haben. Die USA waren das erste Land, das das 4G-Netz ausgebaut hat, und konnten dadurch laut einer Studie von Recon Analytics 2016 ihr Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent oder 100 Milliarden Dollar steigern. Mobile Betriebssysteme aus den USA sind inzwischen weltweit führend: Der Marktanteil von Android und iOS ist zwischen 2009 und 2016 von 17 auf fast 100 Prozent gestiegen.

Infografik 1: USA konnten jährliches BIP dank 4G um 100 Milliarden Dollar steigern

Beim 5G-Standard will China nun zum Weltmarktführer werden. Derzeit ist es ein knappes Rennen, bei dem die USA um wenige Monate hinterherhinken.

Der Einfluss des Handelskonflikts

Die drei Bereiche der globalen Lieferketten, die von den US-Sanktionen am härtesten getroffen werden, sind voraussichtlich Halbleiterchips, Smartphones und das 5G-Netz. Einige Wettbewerber von Huawei werden Marktanteile hinzugewinnen können, während Zulieferer von Huawei unter der Regelung leiden dürften. Bisher hat China nicht direkt zurückgeschlagen, jedoch könnten in Zukunft Verbote von US-Produkten folgen. Potenzielle Ziele wären unter anderem Apple* und Qualcomm*.

Halbleiterchips

Chips von Mediatek* werden künftig die hauseigenen Chips in Huawei-Smartphones ersetzen. Derzeit verkauft Mediatek jährlich 350 Millionen Smartphone-Chips, künftig könnten es 200 Millionen mehr sein. Wir rechnen außerdem damit, dass japanische Halbleiterunternehmen wie Murata* langfristig von der Situation profitieren werden. Denn Japan kann mit allen Seiten frei handeln und nimmt dadurch eine neutrale Position ein.

Einige Zulieferer mit starken Beziehungen zu den USA müssen sich jetzt für ein Hauptbezugsland entscheiden und dürften dadurch kurzfristig Umsätze verlieren. Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp. (TSMC)* etwa nimmt vorerst keine Neubestellungen von Huawei mehr an. Das chinesische Unternehmen ist hinter Apple der zweitgrößte Kunde von TSMC und macht 15 bis 20 Prozent der jährlichen Umsätze aus. TSMC hat im Mai zudem angekündigt, eine zwölf Milliarden Dollar teure Chip-Fabrik in Arizona zu bauen, und erhält dafür auch Subventionen von der US-Regierung.

Smartphones

Im Smartphone-Bereich waren die jüngsten Sanktionen weniger schmerzhaft als erwartet, weil Huawei seine Smartphones immer noch mit zugekauften Chips bauen kann. Die dadurch höheren Kosten dürften jedoch den Marktanteil von Huawei belasten.

Huawei gehört bei Kameratechnologie und der Umsetzung des 5G-Standards zu den innovativsten Unternehmen in der Branche. Pro Quartal verkauft es 50 Millionen Smartphones und besetzt damit 16 bis 18 Prozent des Weltmarkts. In China liegt der Marktanteil bei 43 Prozent. Durch die Sanktionen wird sich das Preis-Leistungsverhältnis von Huawei-Geräten mit der Zeit verschlechtern, sodass Konkurrenten wie Xiaomi*, Oppo* und Vivo* ihren Marktanteil ausbauen könnten. Wir glauben, dass der Marktanteil von Huawei in China wieder auf das Niveau fallen könnte, das vor Beginn des Handelskonflikts zu beobachten war. Im Ausland könnten Huawei-Smartphones sogar ganz vom Markt verschwinden, wenn sie dort nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Infografik 2: Verteilung der Umsätze auf dem chinesischen Smartphone-Markt im 1. Quartal 2020

5G-Netz

Die US-Sanktionen gegen Huawei sind fatal für dessen Geschäft mit Chipsets für Basisstationen. Während der 120-tägigen Kulanzfrist, die Mitte September endet, baut Huawei daher seine Vorräte an 5G-Chips massiv auf. Sollte das Unternehmen längerfristig Schwierigkeiten haben, Chips einzukaufen, wird sich das auch auf chinesische Telekomfirmen und Betreiber von Mobilfunkmasten auswirken. Der Ausbau des 5G-Netzes würde sich damit verlangsamen und die Kapitalkosten würden steigen. 

Europäische Wettbewerber wie Ericsson* und Nokia* könnten davon profitieren. Die US-Regierung spricht schon davon, sich bei diesen Firmen einzukaufen, was laut US-Generalstaatsanwalt William Barr das Streben von Huawei nach Marktdominanz behindern würde.

Lieferketten werden schon entflochten

Die Lieferketten in der Technologiebranche werden nun weiter entflochten, sodass sich separate technologische Ökosysteme entwickeln dürften. Fertigungswerke werden von China in die USA oder zu deren wirtschaftlichen Verbündeten verlegt; in Mexiko und Indien ist das schon jetzt zu beobachten. Die Covid-19-Krise beschleunigt diesen Trend, da Unternehmen jetzt versuchen, ihre Lieferketten nachhaltiger, einfacher und kürzer zu gestalten.

Zwar rechnen wir mit noch mehr Säbelrasseln, wir sehen für langfristig orientierte Anleger jedoch auch Chancen. China ist ein riesiger Markt für Unterhaltungselektronik und bietet großes Potenzial für lokalisierte und heimische Technologien. Unternehmen wie Huawei zeigen, dass China in vielen Innovationsbereichen aufholt oder längst vorne liegt, etwa bei künstlicher Intelligenz. Allerdings müssen Anleger wählerisch sein.

Das Wettrennen um die 5G-Technologie ist noch nicht zu Ende. Längerfristig rechnen wir mit zwei unterschiedlichen technologischen Systemen. Für Anleger entsteht dadurch ein größerer, wenn auch komplizierterer Markt.

*Die Angabe von Unternehmen dient lediglich zur Illustration. Die genannten Unternehmen stellen weder eine Aufforderung zum Kauf/Verkauf noch eine Anlageberatung dar.

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