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Drei Szenarien für die Weltwirtschaft

Anna Stupnytska

Anna Stupnytska - Head of Global Macro and Investment Strategy

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Die Einschränkungen im Kampf gegen die Lungenkrankheit Covid-19 haben zu einem beispiellosen Einbruch der Wirtschaftsaktivität geführt. Im zweiten Quartal könnte das Wachstum auf Jahresbasis in den meisten Industriemärkten dadurch um bis zu 40% beeinträchtigt werden. Kurzfristig erwarten wir eine geringere Belastung in Schwellenmärkten, eine ebenso große jedoch mit etwas Verzögerung. 

„Dieser Einbruch ist weit dramatischer als während der Finanzkrise von 2008“, sagt Anna Stupnytska, Head of Global Macro and Investment Strategy. „In mancher Hinsicht ähnelt die Situation eher der Großen Depression, jedoch besagt unser Basisszenario, dass die heutige Krise nicht in eine tatsächliche Depression münden wird.“

Die Erholung wird unserer Einschätzung nach jedoch sehr langsam sein. Die Wirtschaftsaktivität wird kaum auf das Vorkrisenniveau zurückkehren, bevor die Pandemie vorbei ist, was irgendwann im nächsten Jahr der Fall sein könnte. Die Erholung hängt auch davon ab, wie effektiv weitere Infektionswellen verhindert werden können und wie gut Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft wirken. Auch das Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen wird eine Rolle spielen. 

Drei mögliche Szenarien 

Unser Basisszenario für 2020, dem wir eine Wahrscheinlichkeit von 60% beimessen, ist eine globale BIP-Entwicklung von -1,7 Prozent. Wir rechnen damit, dass sich die meisten Industriestaaten den Rest des Jahres in einer Rezession befinden werden, ebenso wie viele Schwellenmärkte, nicht jedoch Indien und China. 

Wenn Volkswirtschaften über einen längeren Zeitraum ganz oder teilweise stillgelegt werden, ist jedoch eine BIP-Entwicklung von -5% möglich. Für dieses Szenario haben wir eine Wahrscheinlichkeit von 30% errechnet. Dabei schaffen es Staaten nicht, das Virus unter Kontrolle zu bringen, wodurch eine zweite oder sogar eine dritte Infektionswelle folgen würde. Staatliche und geldpolitische Stützen würden sich in diesem Szenario als unzureichend herausstellen. Diese Situation hätte Parallelen zur Großen Depression.

Unser optimistisches Szenario, dem wir eine Wahrscheinlichkeit von 10% beimessen, ist ein BIP-Entwicklung nahe null. Die Voraussetzung dafür wären weitreichende Tests und eine ausgefeilte Nachverfolgung des Virus, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Dadurch könnten einige Einschränkungen gelockert werden. Kombiniert mit einer umfassenden globalen durch Regierungen und Zentralbanken könnte in diesem Szenario der schweren Erschütterung eine schnelle Erholung folgen. 

Welche Indikatoren wir jetzt beobachten

Um die Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien zu bestimmen und sie weiterhin den Ereignissen anzupassen, beobachten wir eine Reihe von Indikatoren. 

Zum einen verfolgen wir die Verfügbarkeit von Tests und das Ausmaß ihrer Anwendung. Denn dadurch kann die Politik die Ausbreitung des Virus besser einschätzen. Wer schon infiziert war, könnte dadurch wieder arbeiten gehen, während Risikogruppen weiter in Quarantäne geschützt werden. Wir beobachten auch den Einsatz von Überwachungsstrategien und die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen. Denn ohne Impfstoff kann die Wirtschaft nicht zur Normalität zurückkehren. 

Zuletzt beobachten wir noch Exit-Strategien rund um die Welt, die anderen Industriestaaten Orientierung bieten können. Spannend ist auch die Entwicklung der Wirtschaftsaktivitäten in Staaten, die ihre Einschränkungen lockern. Das Verbrauchervertrauen, die Kreditvergabe der Banken, der Arbeitsmarkt sowie Luftverschmutzung, Jobausschreibungen im Netz und Rohstoffpreise können Hinweise darauf geben, wie sich die Wirtschaft entwickelt.

Die Rolle von Hilfsmaßnahmen

Darüber hinaus untersuchen wir auch, wie sich staatliche Hilfen für Unternehmen und Arbeitnehmer auswirken. Vergangene Woche zum Beispiel stellte die US-Notenbank Fed weitere 2,3 Billionen Dollar an Krediten für kleine Unternehmen und Gemeinden zur Verfügung - und zwar zusätzlich zu den geld- und haushaltspolitischen Maßnahmen, die bereits angekündigt waren. Die Fed hat außerdem die Palette an Wertpapieren, die sie kauft, auf High-Yield-ETFs erweitert. Zuvor hatte sie bereits den Kauf von Investment-Grade-Unternehmensanleihen angekündigt. 

„Noch vor einem Monat hätte niemand damit gerechnet, dass die Fed solche Papiere kaufen würde“, sagt Stupnytska. „Das unterscheidet sich klar von 2008/2009, als sie nur Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere gekauft hat.“

Es erscheint daher auch möglich, dass die Fed noch andere Papiere kaufen könnte. Die japanische Zentralbank hat in den vergangenen Jahren auch Aktien-ETFs gekauft, was jedoch umstritten ist. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass die Fed auch Aktien kaufen wird, da ihr ohnehin schon eine riesige Palette von Instrumenten zur Verfügung steht. Sie hat jedoch signalisiert, dass sie alles Nötige tun wird, um die Unternehmenswelt zu stabilisieren. Die Fed-Maßnahmen haben Risiken am Anleihemarkt reduziert, können die zyklischen Risiken der wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen durch die Pandemie jedoch nicht ausräumen.

Industriestaaten bieten mehr Stütze als Schwellenländer

Das amerikanische Konjunkturpaket ist mit 8% des BIP das weltweit größte. Doch auch andere Industriestaaten haben bisher mehr Stützen geboten als Schwellenmärkte. 

Weltweit betragen die Konjunkturprogramme etwa 5% des globalen BIP. Industriestaaten haben in der Regel rund 6% ihres BIPs eingesetzt, Schwellenmärkte rund 3,5%. Es ist möglich, dass einige Schwellenmärkte weitere Hilfen von reicheren Länderung und der Weltbank brauchen, um die Krise zu überstehen. 

„Es kann gut sein, dass weitere Konjunkturmaßnahmen nötig sind, um den Aufschwung zu unterstützen, je nachdem wie lange der Verlust der Wirtschaftsaktivität und der Einkommen andauert. Derzeit ist es noch schwer zu sagen, wie lange diese Stützen nötig sind oder was der Preis sein wird“, sagt Andrew McCaffery, Global Chief Investment Officer.

Anleger müssen vorsichtig bleiben

Da die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen des Virus und die Auswirkung der Gegenmaßnahmen noch unklar sind, halten wir eine vorsichtige Haltung derzeit für angebracht. 

„Es macht Sinn, die möglichen Folgen der drei Szenarien durchzudenken und die Portfolios entsprechend anzupassen. So erreicht man einen gewissen Schutz, etwa durch die Zusammensetzung der Anlageklassen oder durch ein Engagement in Werten, die jeweils von einem V-förmigen Aufschwung oder einer schrittweisen Steigerung des Wachstums profitieren“, sagt McCaffery. 

Durch die Kaufprogramme der Zentralbanken gibt es auch Chancen in bestimmten Bereichen der Investment-Grade- und High-Yield-Märkte, wo das Risiko-Rendite-Verhältnis einer Anlage in einzelne Unternehmen mit starken Bilanzen attraktiv erscheint. Es ist jedoch zu früh, um durch die Bank höhere Risiken einzugehen. 

Die Märkte preisen derzeit in etwa unser Basisszenario ein, jedoch sind sie unserer Ansicht nach etwas zu optimistisch. Irgendwann werden sie ihre Aufmerksamkeit auf die sehr schwachen Makrodaten und Gewinnprognosen lenken, was zu Kursverlusten führen könnte. Die jüngste Umfrage unter Fidelity-Analysten zeigt, dass diese sich für das Geschäftsjahr 2020 auf einen Gewinnrückgang von 44 Prozent einstellen. 

Es könnte noch Monate dauern, bis die Pandemie eingedämmt ist. Der Weltwirtschaft stehen daher noch große Herausforderungen bevor.