Im Oktober 1929 brechen an der New Yorker Börse die Kurse ein. Die Welt gerät in den Strudel der Wirtschaftskrise, es folgen Jahre des Elends. Rund 90 Jahre später trifft die Covid-19-Pandemie die globale Ökonomie hart – und manche Beobachter ziehen Parallelen zur großen Depression. Doch Ursache und Reaktion unterscheiden sich maßgeblich, so dass auch die langfristigen Folgen kaum vergleichbar sein dürften.

Wer in Kalifornien auf dem Highway Nr.1 die Küste entlangfährt, kann nicht nur die spektakuläre Landschaft des rauen Pazifiks bewundern. Er überquert auch die Überbleibsel einer Finanzpolitik, die vor mehr als 90 Jahren die Folgen der sogenannten Großen Depression abmildern sollte. Viele Brücken des Highways sind in den 1930er Jahren entstanden, errichtet von Arbeitern, denen der Staat mit einem damals beispiellosen Konjunkturprogramm künstlich neue Jobs beschaffte. Als die Weltwirtschaftskrise damals die USA in die Krise gestürzt hatte, sorgte die Regierung für neue Aufträge, die bis heute die Infrastruktur des Landes prägen. Der Plan ging als New Deal in die Geschichte ein.

Er traf auf eine ins Mark erschütterte Volkswirtschaft: Bis 1933 waren in Folge des Börsencrashs 1929 etwa 15 Millionen Amerikaner arbeitslos geworden, 20 Prozent der damaligen Bevölkerung. Fast die Hälfte der Banken des Landes waren bankrott. In diesem Frühjahr wiederum wurden weltweit ganze Branchen eingefroren, um die Covid-19-Pandemie einzudämmen. Die Weltwirtschaft stand mehrere Wochen quasi still. Ergebnis: Die Arbeitslosenquote erreichte in den USA im April mit 14,7 Prozent einen neuen Höhepunkt. Es war der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

In der Corona-Krise steigen also weltweit die Arbeitslosenzahlen – so wie damals. Auch die Angst vor einer neuerlichen Depression ist groß – so groß, dass einige Beobachter nun bereits tiefgreifende strukturelle Veränderungen vorhersagen, die das Wirtschaftssystem in ähnlichem Maße verändern könnten wie in den 1930er Jahren. Regierungen und Notenbanken stemmen sich zwar auch jetzt wieder einer langwierigen Weltwirtschafts- und Finanzkrise entgegen. Doch finden sich im Vergleich zu damals auch bedeutsame Unterschiede. Es lohnt sich, diese genauer zu betrachten.

Die Ursachen der Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise damals bahnte sich schleichend an. Elektrizität und Akkordarbeit hatten die Wirtschaft so produktiv gemacht, dass sich beispielsweise mit den Aktien großer Autokonzerne enorme Gewinne erzielen ließen. In der Hoffnung, am Boom teilzuhaben, und in der festen Erwartung eines immerwährenden Bergauf hatten immer größere Teile der Bevölkerung an der Börse spekuliert. Als dann am 24. Oktober 1929 die zunächst schleichenden Kursverluste in einem dramatischen Absturz endeten, standen viele Menschen vor dem Nichts. Nicht nur ihre Aktien waren quasi wertlos geworden. Da sie die Käufe häufig mit Krediten finanziert hatten, waren sie nun auch hoch verschuldet. „Der Börsencrash war damals der Tropfen, der das Fass zum Überfluss brachte“, sagt der Wirtschaftshistoriker Jan Otmar Hesse* von der Universität Bayreuth. Denn: „Die Weltwirtschaftskrise hatte viele Ursachen.“

Und heute? Hat die akute Krise letztlich nur einen einzigen Grund: die Pandemie. Für Wirtschaftshistoriker Hesse ist die Lage daher nicht direkt vergleichbar. „Die damalige Krise hatte andere Ursachen, andere Folgen und auch der Verlauf war völlig anders als der, den wir gerade erleben“, sagt er. Noch wichtiger aber: „Die Krise trifft auf im Grunde funktionierende Volkswirtschaften.“

Die Rolle des Staates

In vielen Staaten laufen gewaltige Konjunkturprogramme der Regierungen an, die die schlimmsten Folgen abfedern sollen. In diesen staatlichen Reaktionen sieht Hesse einen weiteren Unterschied zur großen Depression. „In den 1930ern gab es nur moderate Staatsausgabenprogramme“, sagt der Historiker. „Die Unterstützung verhinderte gerade so, dass die Menschen auf den Straßen verhungerten.“ Die Staatsquoten, also das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt, lagen eben noch sehr viel niedriger als heute, in den USA etwa bei 15 Prozent. „Staatseingriffe waren damals eine völlig ungewohnte Praxis“, sagt Hesse. „Die handelnden politischen Akteure fühlten sich schlicht nicht verantwortlich dafür, wenn durch eine ökonomische Krise Menschen arbeitslos oder obdachlos wurden.“

Im Zentrum standen damals Hilfen für die Großindustrie und die Finanzmärkte, nicht für die Beschäftigten. Auch heute lässt sich kritisieren, wie die Hilfs- und Rettungsgelder verteilt werden. Trotz allem ist das Staatverständnis ein anderes. Zumindest in Europa können die Menschen erwarten, dass der Staat Unwägbarkeiten der Konjunktur in gewisser Weise ausgleicht. Diese Vorstellungen von Sozialstaatlichkeit haben sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt, und dann noch einmal in den 1970er Jahren – übrigens ebenfalls in einer ökonomisch schwierigen Lage, der Ölkrise.

Seither sind die Staatsquoten deutlich gewachsen. In den skandinavischen Ländern liegen sie heute bei über 50 Prozent. Der damalige New Deal war gemessen an dem heutigen Steueraufkommen kaum der Rede wert. Zudem gilt er historisch nicht mal als sonderlich erfolgreich: „Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren nicht groß genug und die Investitionsprogramme kamen zu spät“, sagt Hesse. In der Corona-Krise konnten viele Staaten deutlich schneller und stärker reagieren. Ein Beispiel: Viele Regierungen stellten umgehend Notkredite und Kurzarbeitergeld zur Verfügung. Die tatsächliche Wirkung dieser Hilfen muss in den kommenden Jahren zwar erst erforscht werden – allein die Volumina der Hilfspakete sind aber schon mal um Dimensionen höher als in der Vergangenheit.

Die Rolle der Zentralbanken

Nicht nur die Regierungen, auch die Zentralbanken hatten in den 1930er Jahren noch eine ganz andere Funktion und andere Fähigkeiten. Zentralbanken gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Sie sollten sich aber ursprünglich nicht mit der Krisenbekämpfung befassen. Nur im Notfall, wenn Banken in Schieflage gerieten, sollten sie helfen können. „In den 1930er Jahren hatte man eine völlig andere Idee von Zentralbanken“, bestätigt Hesse, der unter anderem ein Buch über die Große Depression geschrieben hat.

Der Gedanke einer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung aller makroökonomischen Institutionen war eben erst ein späteres Ergebnis der damaligen Weltwirtschaftskrise. Moderne Zentralbanken können diesen Handlungsspielraum zudem viel genauer einsetzen. „Dank statistischer Daten weiß man heute, was geschieht, wenn die Banken die Zinsen um ein Zehntel Prozent hochschrauben“, sagt Hesse. „Dieses Wissen hatte man früher nicht.“

Die Globalisierung

Die Vernetzung der Weltwirtschaft zeigte sich schon 1929, als die Auswirkungen des Börsencrashs in den USA weltweit spürbar waren. Als im Frühjahr während des Lockdowns im Jahr 2020 dann in China die Produktion stillstand, kam es auf der ganzen Welt zu Lieferengpässen und anderen Schwierigkeiten. Heute sind eben nicht nur die Finanzmärkte deutlich enger vernetzt, auch die internationalen Wertschöpfungsketten sind kleinteilig verzahnt. In der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre waren dementsprechend auch Kreditausfälle ein entscheidender Faktor dafür, dass die Weltwirtschaft zum Erliegen kam – nicht Produktionsausfälle.

Die Folge damals: Es kam zu einem gewaltigen institutionellen Wandel. Als Lehren aus der Finanzmarktkriese entstanden Risikoabsicherungen, um Kettenreaktionen zu verhindern, in den USA etablierte sich das Trennbankensystem, mit unabhängigen Instituten für Investmentbanking und den Privatkundenbereich. Die Corona-Krise dürfte kaum ähnlich tiefgreifende Reformen auf den Finanzmärkten nach sich ziehen – dafür stehen diese einfach zu wenig im Zentrum. Und auch Befürchtungen, dass Corona so etwas wie ein Ende der Globalisierung einläuten könnte, teilt Wirtschaftshistoriker Hesse nicht. „Die Globalisierung wird nicht aufhören oder weniger werden, sie wird nur andere Formen annehmen“, sagt er.

In diesem Punkt lässt sich schließlich doch noch eine Parallele zwischen den beiden Krisen ziehen. Die Weltwirtschaftskrise hatte einen Strukturwandel eingeleitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde viel mehr auf Massenproduktion als auf kleine handwerkliche Betriebe gesetzt. VW ist ein Beispiel für einen Großbetrieb, der aus diesem Strukturwandel entstand. Mit einem ähnlich tiefgreifenden Wandel rechnet Hesse nun auch für die Zeit nach Corona: Er ist überzeugt, dass Sektoren wie die Automobilindustrie in Zukunft weiter schrumpfen. Stattdessen rücken in der Digitalisierung völlig neue Forschungsbereiche ins Zentrum, etwa die Biotechnologie. 1929 und 2020 schreiben also doch keine völlig ungleiche Geschichte.

* Jan Otmar Hesse: deutscher Wirtschaftshistoriker, studierte von 1989 bis 1995 Geschichtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Politologie und Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Seit April 2015 Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth. Seine Forschungsschwerpunkte sind Unternehmensgeschichte, Mediengeschichte und Geschichte der Wirtschaftswissenschaften.

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