Die Verstädterung der vergangenen Jahrzehnte hat hunderten Millionen Chinesen dabei geholfen, der Armut zu entkommen. Doch der Preis für die Umwelt war hoch. Vielerorts wachsen die Mülldeponien ins Unermessliche. Eine landesweite Initiative soll die Abfallwirtschaft nun auf ein neues Fundament stellen. Das eröffnet auch neue Möglichkeiten für Anleger.

Die Mülldeponie Jiangcungou in der nordwestchinesischen Stadt Xi’an war einst die größte Deponie Chinas. Die 1994 angelegte Fläche entspricht rund 100 Fußballfeldern und sollte 50 Jahre lang ihren Dienst tun. Doch schon 2019 – 25 Jahre früher als erwartet – war die Deponie voll.

„Als Chinesen wohlhabender wurden und vom Land in die Stadt zogen, bestellten sie öfter Essen beim Lieferdienst, sie kauften mehr Kleidung und mehrmals im Jahr neue Schuhe“, sagt Fondsmanager Bertrand Lecourt. „Der größere Wohlstand hat dazu geführt, dass mehr Ressourcen verbraucht werden.“

Zwischen 2008 und 2018 hat sich das Abfallvolumen chinesischer Kommunen mehr als verdoppelt. Immer mehr Müll wird inzwischen verbrannt oder auf andere Arten verwertet, die weniger Platz erfordern als Deponien. Die Zahl der konventionellen Deponien ist in den zehn Jahren bis 2018 jährlich um fünf Prozent gestiegen, die Zahl der Müllverbrennungsanlagen hingegen um 16 Prozent pro Jahr. Verbrennungsanlagen verwandeln Abfall in Wärme oder Strom und verschmutzen die Umwelt weniger als Deponien. Denn diese bergen das Risiko, dass die naheliegenden Wassersysteme verschmutzt werden. Doch auch Verbrennungsanlagen geraten inzwischen an ihre Grenzen.

Verbrennungsanlagen fangen steigendes Abfallaufkommen chinesischer Großstädte auf

Quelle: Nationales Statistikbüro, Fidelity International, November 2020.

Politiker auf allen Ebenen bis hin zu Präsident Xi Jinping lenken daher den Fokus auf das Konzept Recycling – und zwar langfristig. Im Entwurf für den 14. Fünfjahresplan, der im März finalisiert werden soll, betont China die Notwendigkeit, Mülltrennung und Recycling im Gesetz zu verankern und das Abfallaufkommen zu reduzieren. In ländlichen Gebieten soll zudem die Müllverwertung weiterentwickelt werden, um dort die Lebensverhältnisse zu verbessern.


Müll sortieren lernen mit Smartphone-Spielen

Noch in diesem Jahr sollen nach dem Wunsch der Regierung 46 Großstädte in ganz China 35 Prozent ihres Abfalls recyceln, was etwa dem Recycling-Niveau der USA entspricht. Shanghai, mit 24 Millionen Einwohnern die weltgrößte Stadt, war die erste in China, die im Juli 2019 ein umfassendes Recycling-Programm einführte.

Die Bewohner Shanghais sortieren ihren Abfall nun in vier Kategorien: Nassmüll wie biologisch abbaubare Lebensmittelreste, recycelbarer Abfall (Glas, Papier, Plastik und wiederverwertbare Kleidung und Spielzeuge), Sonderabfall wie Batterien und alte Medikamente, und alle übrigen Abfälle.

Viele waren laut heimischen Medien wie Xinhua anfangs skeptisch, weil das strenge Sortiersystem kompliziert und verwirrend erschien. Frühere Initiativen fanden zudem wenig Unterstützung. Doch die Politik sorgte für eine rege Teilnahme: Einzelpersonen und Unternehmen riskieren Strafen, wenn sie ihren Abfall nicht sortieren. Diese liegen für Unternehmen zwischen 500 und 100.000 Renminbi (75 bis 15.000 Dollar). Am häufigsten zahlen die Betreiber von Büroimmobilien, Baustellen und Mülltransportunternehmen solche Strafen. Die Strafen für Einzelpersonen liegen lediglich bei 200 Renminbi, jedoch riskieren sie auch Punktabzüge im Sozialkredit-System, wodurch ihr Zugang zu Bildung, Jobs und Reisen erschwert werden kann.

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Quelle: JY International Cultural Communications, jggame.net, Fidelity International, November 2020.

Unternehmen wie Tencent* und Alipay* entwickelten Apps und Spiele, um der anfänglichen Verwirrung über das Mülltrennsystem zu begegnen. In manchen Städten können Menschen beim Mülltrennen sogar Punkte sammeln, mit denen sie einkaufen können.

Die Kombination aus Zuckerbrot und Peitsche scheint funktioniert zu haben. Der Bürgermeister von Shanghai, Ying Yong, nannte das Programm Anfang des Jahres einen Erfolg. Über 90 Prozent der Wohngebiete von Shanghai nutzen nun das neue Sortiersystem. Ende 2018 taten das nur 15 Prozent. Der Anteil des Abfalls, der in Deponien landet, ist von 41 auf 20 Prozent gefallen.

Das Programm ist auch in anderen Städten ein Erfolg. Bis Jahresende dürfte China daher sein 46-Städte-Ziel erreichen. Wenn bis 2025 alle chinesischen Städte (rund 300 Stück) abgedeckt sein sollen, muss die Regierung jedoch noch einen Gang hochschalten.


Das Anlageuniversum wächst

Bis heute hinkt die chinesische Abfallwirtschaft dem Wirtschaftswachstum hinterher. In den nächsten fünf bis zehn Jahren dürfte die Branche daher schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft. Entlang der Wertschöpfungskette entstehen dadurch verschiedenste Anlagechancen.

Derzeit besetzen Staatskonzerne 50 Prozent des Marktes rund um Müllsammlung, -Sortierung und den Transport zu den Verwertungsanlagen. In diesem Segment gehen staatliche Behörden jetzt auf Distanz. Privatwirtschaftliche Unternehmen sollen in fünf Jahren 80 bis 90 Prozent des Marktes abdecken. Ihnen winkt daher ein potenzielles Umsatzwachstum von 20 Prozent pro Jahr, obwohl das Abfallvolumen nur im mittleren einstelligen Bereich wächst.

Trotz aller Anstrengungen steckt die chinesische Abfallwirtschaft noch in den Kinderschuhen. Im Bereich Elektroschrott etwa herrscht noch ein Vakuum, das Start-ups wie AiHuiShou* (zu Deutsch „Liebe Recycling“) auszufüllen versuchen. Das neun Jahre alte Unternehmen hat sich gerade in „All Things Renew“* umbenannt und bietet Kunden auch die Möglichkeit, gebrauchte Smartphones abzugeben und den Wert des alten Geräts auf den Kauf eines neuen anrechnen zu lassen. Das Unternehmen betreibt über 700 physische Läden und hat gerade die Marke von zwei Milliarden Dollar an monatlichen Transaktionen überschritten.


China treibt den Wandel mit neuen Gesetzen voran

Obwohl das Bewusstsein für Wiederverwertung und Recycling wächst, muss noch mehr für die Umwelt getan werden. Die Verstädterung und der wachsende Konsum in China belasten die Ökosysteme zunehmend. Und damit ist China nicht allein. Bis 2050 könnte das Abfallaufkommen der Welt doppelt so schnell wachsen wie ihre Bevölkerung, schätzt die Weltbank.

China schon an zweiter Stelle der Länder mit dem größten Abfallaufkommen

Quelle: Weltbank, Statista, Fidelity International, November 2020.

Die chinesische Regierung hat neue Richtlinien eingeführt, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, und reguliert nun zum Beispiel, wie viel Essen die Besucher von Restaurants bestellen dürfen. Auch Rest- und Plastikmüll sollen reduziert werden: Hotels etwa dürfen nun keine Wegwerf-Kosmetikartikel mehr anbieten, sofern Gäste sich diese nicht ausdrücklich erbeten.

Gerade im Kontext der Pandemie bewerten viele Menschen ihr Verhältnis zu Konsum und Kapitalismus neu. China hat nun eine einmalige Gelegenheit, als Beispiel voranzugehen.

* Die genannten Unternehmen dienen nur der Illustration und sind nicht als Kaufs- oder Verkaufsempfehlung zu verstehen.

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